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Charta
Die Arche begann 1964, als Jean Vanier und P. Thomas
Philippe zwei Männer mit einer geistigen Behinderung, Raphaël Simi
und Philippe Seux, zu sich einluden.
Als Antwort auf einen Ruf Gottes wollten sie ihr Leben mit ihnen
teilen und im Geist des Evangeliums und der Seligpreisungen leben, die
Jesus verkündet hat. Von dieser ersten Gemeinschaft aus, die in Frankreich und in der
römisch-katholischen Tradition entstanden war, entwickelten sich
viele weitere Gemeinschaften in jeweils sehr verschiedenen religiösen
und kulturellen Umfeldern. Diese
von Gott ins Leben gerufenen Gemeinschaften sind eins untereinander
durch eine gemeinsame Vision und denselben Geist der Gastfreundschaft,
des Miteinander-Teilens und der Einfachheit.
I
Ziele
1.
Ziel der Arche ist es, Gemeinschaften zu schaffen, die Menschen mit
einer geistigen Behinderung aufnehmen. Sie will so auf die Not derer
antworten, die zu oft ausgeschlossen werden und ihnen ihren Platz in
der Gesellschaft, zurückgeben. 2. Die Arche möchte die besonderen Gaben von Menschen mit einer
geistigen Behinderung erkennen lassen. Sie sind das Herz unserer
Gemeinschaft und rufen andere dazu auf, ihr Leben mit ihnen zu teilen. 3. Die Arche ist sich bewusst, dass sie nicht alle Menschen mit einer
geistigen Behinderung aufnehmen kann. Sie ist keine Lösung, sondern
möchte ein Zeichen sein, ein Zeichen dafür, dass eine wahrhaft
menschliche Gesellschaft auf der Annahme und der Achtung
ihren ärmsten und schwächsten Gliedern gegenüber gegründet
sein muss. 4. In einer zerrissenen Welt möchte die Arche ein Zeichen der
Hoffnung sein. Ihre Gemeinschaften gründen sich auf tiefe,
beständige Beziehungen zwischen Menschen von unterschiedlichem
intellektuellen Niveau und verschiedener
sozialer, religiöser und kultureller Herkunft. Sie möchten so
Zeichen der Einheit, der Treue und der Versöhnung sein. II
Grundlagen 1.
Alle Menschen sind, unabhängig von ihren Gaben oder Grenzen,
miteinander verbunden in ein- und derselben Menschheitsfamilie. Jede
Person hat einen einzigartigen und unantastbaren Wert und besitzt die
gleiche Würde und die gleichen Rechte wie alle anderen. Zu den
grundlegenden Rechten jedes Menschen gehören das Recht auf Leben, auf
Betreuung, auf ein Zuhause, auf Erziehung, auf Arbeit, aber auch das
Recht auf Freundschaft, menschliche Nähe, und geistiges Leben, denn
es gehört zum tiefsten
Wesen des Menschen,
zu lieben und geliebt zu werden. 2. Um seine Fähigkeiten und Gaben zu entwickeln und um sich selbst
als Person zu verwirklichen, braucht jeder Mensch eine Umgebung, in
der er sich entfalten kann. Er braucht einen Ort in einer Familie oder
Gemeinschaft, wo er mit anderen in zwischenmenschlichen Beziehungen
leben kann. Er ist auf ein
Klima, des Vertrauens, der Sicherheit und gegenseitigen Zuwendung
angewiesen, auf
Anerkennung, Wertschätzung und Unterstützung durch warmherzige und
echte zwischenmenschliche Beziehungen. 3. Menschen mit einer geistigen Behinderung haben oft eine besondere
Gabe, andere herzlich aufzunehmen, über Dinge zu staunen, spontan und
direkt zu sein. Durch ihre Einfachheit und ihr Angewiesensein auf
andere können sie die Herzen anderer anrühren und Menschen
zusammenbringen. So erinnern sie die Gesellschaft immer wieder an die
wesentlichen Werte des Herzens, ohne die Wissen, Können und Macht
letztlich keinen Sinn haben. 4. Schwachheit und Verwundbarkeit eines Menschen sind kein Hindernis
auf dem Weg zu Gott, vielmehr oft ein Ausgangspunkt. Denn gerade in
der Schwachheit, wenn sie erkannt und angenommen wird, offenbart sich
oft die befreiende Liebe Gottes. 5. Um zu der inneren Freiheit zu gelangen, zu der alle Menschen
berufen sind und um in der Beziehung mit Gott zu wachsen, braucht
jeder Mensch die Möglichkeit, in einer religiösen Tradition
verwurzelt zu sein, die ihn stärkt und ihm Nahrung gibt.
III
Die Gemeinschaften 1.
Gemeinschaften des Glaubens 1.1 Die Gemeinschaften der Arche
sind Gemeinschaften des Glaubens. Ihre Wurzeln liegen im Gebet und im
Vertrauen auf Gott. Sie möchten sich von Gott und von ihren
schwächeren Gliedern führen lassen, in denen etwas von Gottes
Gegenwart deutlich wird. Jedes Glied der Gemeinschaft wird ermutigt,
sein oder ihr geistliches Leben innerhalb der eigenen Religions- 1.2 Die Gemeinschaften sind
entweder einer Religion zugehörig oder sie sind interreligiös. Die
christlichen Gemeinschaften sind entweder in einer Kirche beheimatet
oder sie sind überkonfessionell. Jede Gemeinschaft hat Kontakte zu
den entsprechenden Verantwortlichen in ihrer Religion oder Kirche, und
ihre Mitglieder sind in die örtlichen Kirchen oder Kultstätten
integriert. 1.3 Die Gemeinschaften sind sich bewusst, dass sie eine Berufung
zur Ökumene haben und den Auftrag, auf die Einheit hinzuarbeiten.
2.
Zur Einheit berufen 2.1 Einheit ist auf den Bund der
Liebe gegründet, zu dem Gott alle Gemeinschaftsmitglieder ruft. Dies
beinhaltet das Annehmen und Respektieren von Unterschieden. Die
Einheit geht davon ans, dass behinderte Menschen die Mitte des
Gemeinschaftslebens bilden. Sie wächst durch Beständigkeit und
Treue. Die Gemeinschaften verpflichten sich, ihre bestätigten
Mitglieder ihr gesamtes Leben lang zu begleiten, sofern diese es
wünschen. 2.2 Das Leben in den Häusern ist
Mittelpunkt jeder Arche-Gemeinschaft. Die verschiedenen Mitglieder der
Gemeinschaft sind dazu berufen, einen einzigen Leib zu bilden; wie in
einer Familie leben, arbeiten, beten und feiern sie gemeinsam, teilen
Freuden und Leiden miteinander und verzeihen einander. Sie leben einen
einfachen Lebensstil, in dem die zwischenmenschlichen Beziehungen
vorrangig sind. 2.3
Ähnliche Beziehungen verbinden die verschiedenen Gemeinschaften auf
der ganzen Welt miteinander. Zusammengehalten durch Solidarität und
gegenseitiges Engagement bilden sie eine weltweite Familie.
3.
Zum Wachstum berufen 3.1 Die Gemeinschaften der Arche
sind Orte der Hoffnung. Jedes Mitglied wird ermutigt, gemäß der
jeweils eigenen Berufung in Liebe, Hingabe und innerer Einheit zu
wachsen, aber auch in Selbständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und
Kompetenz. 3.2 Die Gemeinschaften möchten
für ihre Mitglieder Erziehung, Arbeit und therapeutische Aktivitäten
sicherstellen, die, ihnen Würde und Möglichkeiten zur Entwicklung
und Selbstverwirklichung geben. 3.3 Die Gemeinschaften
möchten allen die Möglichkeit geben, ihr geistliches Leben weiter zu
vertiefen und in Einheit und Liebe Gott und den anderen gegenüber zu
wachsen. 3.4 Alle Gemeinschaftsmitglieder sollen, soweit es ihnen möglich
ist, an Entscheidungen beteiligt werden, die sie betreffen.
4.
In die Gesellschaft integriert 4.1 Die Arche-Gemeinschaften
sind offen für ihre Umgebung und wünschen den Kontakt mit ihr. Sie
sind in das Leben ihres Dorfes oder Stadtteils integriert und pflegen
die Beziehungen mit ihren Nachbarn und Freunden. 4.2 Die Gemeinschaften möchten den ihnen anvertrauten Aufgaben mit
fachlicher Kompetenz nachkommen. 4.3
Die Gemeinschaften setzen sich für Arbeitsmöglichkeiten für geistig
behinderte Menschen ein. Sie betrachten die Arbeit als einen
wesentlichen Beitrag zur Integration. 4.4
Die Gemeinschaften wünschen eine enge Zusammenarbeit: mit den
Familien und gesetzlichen Vertretern der behinderten Menschen, mit
Fachleuten, mit den zuständigen Ämtern und Behörden, und mit allen,
die sich im Geist der Gerechtigkeit und des Friedens für Menschen mit
einer Behinderung einsetzen.
IV
Schlusswort Die
Arche ist tief betroffen angesichts des Leids von Menschen, die auf
grund ihrer Behinderung Unrecht und Ablehnung erfahren. Diese
Betroffenheit soll für die Gemeinschaften ein Anstoß sein, alles
ihnen mögliche zu tun, um sich für die Rechte von Menschen mit einer
geistigen Behinderung einzusetzen, um die Schaffung von Orten zu
unterstützen, wo sie vorbehaltlos angenommen werden und immer wieder
an unsere Gesellschaft zu appellieren, ihnen mehr Gerechtigkeit und
Achtung entgegenzubringen. Die Gemeinschaften der Arche möchten mit den Armen der Welt und mit
allen solidarisch sein, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen.
Diese Charta wurde von der Vollversammlung der |